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MIWO kunstundwohnen

Kunst und Architektur im Dialog

Die von der MIWO initiierte Projektreihe “kunstundwohnen” lädt jedes Jahr eine*n Künstler*in ein, mit dem Bestand der MIWO künstlerisch zu arbeiten und das Wohnhaus als Ort des täglichen Lebens zu reflektieren. Die ortsbezogenen und vor Ort entstandenen Werke der Künstler*innen eröffnen eine neue Sicht auf die architektonischen Strukturen des Wohnraums.

Die unmittelbaren künstlerischen Eingriffe beziehen sich dabei häufig auf jene architektonischen Elemente wie Durchgänge oder Treppenhäuser, die in der alltäglichen Aufmerksamkeit nicht mehr präsent sind. Mit Strategien wie der farblichen Übermarkierung des Beiläufigen wird Übersehenes wieder sichtbar. “kunstundwohnen” lässt neue Räume der Wahrnehmung entstehen.

“kunstundwohnen” öffnet Wohnanlagen der MIWO, die in den 1950er und 1960er Jahren entstanden sind und typische Gestaltungselemente der Modernen Architektur dieser Zeit aufweisen, für künstlerische Interventionen, die jene für die Nachkriegszeit charakteristischen architektonischen Strukturen einer Neuinterpretation zuführen und mit zeitgenössischem Blick “modernisieren”. Seit dem ersten Projekt “Bild mit Wohnung” mit dem Künstler Detlef Beer im Jahr 2006 wird jedes Jahr ein Künstler oder eine Künstlerin eingeladen sich mit diesem Bestand der MIWO künstlerisch auseinanderzusetzen und das Wohnhaus als Ort des täglichen Daseins zu reflektieren. Die bisher realisierten Projekte zeichnen sich durch eine künstlerische Vielfalt aus, in der sich die Bandbreite zeitgenössischer Kunstproduktion und Diskurse widerspiegelt: Von performativen Ansätzen (Detlef Beer, “Bild mit Wohnung”, 2006) über minimalistische Interventionen im Außenbereich (Martin Noel, “Farbe bekennen2, 2008; Tim Trantenroth, “Raumstein”, 2010) und temporäre Filmprojektionen, die für einen nur kurzen Zeitraum eine prägnante visuelle Wahrnehmungsverschiebung in die architektonische Situation einbringen (Claudia Desgranges, “Überblendung”, 2009) bis zu partizipatorischen Kunststrategien. So installierte Martin Pfeifle im Jahr 2011 eine Skulptur aus insgesamt 64 Neopolenschaum Kuben in die begrünte Außenanlage des Wohnquartiers Lutfridstraße, die von den Bewohnern auch als Sitz- und Spielgelegenheiten benutzt werden und in ihrer Zusammenstellung stetig verändert werden konnten. Die Skulptur wurde auf diese Weise zu einem Kommunikationsmedium im sozialen Zusammenhang der Wohnanlage (Martin Pfeifle, “Rado”, 2011).

Die ortsbezogenen und vor Ort entstandenen künstlerischen Eingriffe beziehen sich häufig auf jene architektonischen Elemente wie Durchgänge oder Treppenhäuser, die in der alltäglichen Aufmerksamkeit der Bewohner nicht mehr präsent sind. Mit Strategien wie der farblichen Übermarkierung des Beiläufigen (Friedhelm Falke, “Das gewohnte Bild”, 2007; Martin Noel, “Farbe bekennen”, 2008) oder All-over-Malerei im Treppenhaus (Karim Noureldin, “Tupelo”, 2012; Esther Stocker, “GEOMETRIA”, 2013; Maik und dir Löbbert, “Treppenhaus”, 2014; Jan van der Ploeg “Wall Painting No. 412”, 2015) wird Übersehenes nicht nur wieder sichtbar, sondern eine Signifikanz des Ortes geschaffen. Erst die Kunst leistet hier eine Identifikation von Orten und fügt der Architektur eine neue Bedeutungsschicht hinzu.

Diese “Kunst am Bau” bei der MIWO stellt daher für die Künstler auch eine Herausforderung dar. Steht zwar auf der einen Seite zunächst eine gewisse Limitation durch das bestehende architektonische Gefüge der MIWO Wohnhäuser, eröffnet sich auf der anderen Seite aber ein willkommener experimenteller Raum. Oftmals sehen sich die Künstler mit der Situation konfrontiert, von den eigenen, eingeübten ästhetischen Verfahren und Techniken abzuweichen. Das beginnt bereits mit der Auswahl anderer Materialien oder Untergründe, auf die das Werk angebracht werden soll, und Dimensionen, die sich von der Atelierpraxis unterscheiden. “Kunst am Bau” bedeutet den Eintritt in einen rahmenlosen Raum, in dem sich Kunst als Kunst erst einmal verorten muss. Hinzu tritt der entscheidende Umstand, dass das Kunstwerk auf ein Publikum – die Bewohner – trifft, für die die “Kunst am Bau” zukünftig jedoch ein Bestandteil ihrer täglichen Umgebung sein wird. Sämtliche “kunstundwohnen” Projekte werden von einem Vermittlungsprogramm in Form von Vernissagen, kunsthistorischen Vorträgen und Katalogen flankiert. Das positive Echo der Mieter hat das Ziel des Engagements bestätigt: Die zeitgenössische Kunst aktiv zu fördern und gleichzeitig den Aspekt der Gemeinschaft zu stärken.
Text: Dr. Jutta Voorhoeve

Alle kunstundwohnen Projekte:

kunstundwohnen #1         2006 Detlef Beer „Bild mit Wohnung “

kunstundwohnen #2         2007 Friedhelm Falke „Das gewohnte Bild“

kunstundwohnen #3         2008 Martin Noël „Farbe bekennen“

kunstundwohnen #4         2009 Claudia Desgranges „Überblendung“

kunstundwohnen #5         2010 Tim Trantenroth „Raumstein“,

kunstundwohnen #6         2011 Martin Pfeifle „Rado“

kunstundwohnen #7         2012 Karim Noureldin „Tupelo“

kunstundwohnen #8         2013 Esther Stocker „GEOMETRIA“

kunstundwohnen #9         2014 Maik und Dirk Löbbert „Treppenhaus“

kunstundwohnen #10        2015 Jan van der Ploeg, „Wall Painting 412“

kunstundwohnen #11        2017 Thomas Vinson (realisiert)

kunstundwohnen #12        2018 Alex Grein

kunstundwohnen #13        2019 Schirin Kretschmann „Fifties“ (realisiert)

kunstundwohnen #14        2018 Martin Pfeifle „Onda“ (realisiert)

kunstundwohnen #15        2020 Roman Lang „ELEVATORESK“

kunstundwohnen #16        2021 Birte Bosse